04.01.2017

Integrationscafé: Wenn aus Fremden Freunde werden

Integrationscafé: Wenn aus Fremden Freunde werden

Im Seniorenzentrum Haus Heimberg kochen junge Flüchtlinge zusammen mit den Bewohnern; die junge Afghanin Azize und Karin Scheidler (Betreutes Wohnen) sind inzwischen Freunde geworden.

Viele Stimmen hallen aus der Küche des Seniorenzentrums Haus Heimberg in Tauberbischofsheim. Drinnen zeigt sich ein eher ungewohntes Bild: Jugendliche und gerade volljährige Flüchtlinge stehen an der Küchenzeile. Zusammen mit Bewohnern des Seniorenzentrums schnippeln sie Zwiebeln, schälen Kartoffeln und kneten Hefeteig - dabei wird viel geredet und gelacht. Alles geschieht Hand in Hand. Die Küchenchefs sind 17 Schülerinnen und Schüler zweier VABO-Klassen (Vorqualifizierung Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen) der Kaufmännischen und Gewerblichen Schulen  Tauberbischofsheim und dem Kolping Bildungswerk.

"Übers Essen kann man sich gut verständigen", sagt Irmgard Günter, Mieterin im Betreuten Wohnen, fröhlich und nascht kurzerhand ein Stück Karotte. Karin Scheidler (ebenfalls Betreutes Wohnen) ist beeindruckt: "Die Jugendlichen machen sich viel Arbeit - da kann man noch was lernen." Und tatsächlich: Auf dem Speiseplan stehen Bolani, Kofte mit Reis, Nudeln, Salat und noch vieles mehr. Alles typische Gerichte aus den Heimatländern der Mädchen und Jungen. Dass alles ganz frisch zubereitet wird, ist für die Jugendlichen selbstverständlich. Für die Bewohner machen sie das gerne. Man kennt sich und is(s)t gern zusammen. Denn im Haus Heimberg gibt es regelmäßig Treffen im Rahmen des Integrationscafés, das Mitte März an den Start ging. Dort treffen sich junge Flüchtlinge zu Kaffee, Kuchen und Gesprächen mit Senioren zum einen mit dem Ziel ihr Deutsch zu verbessern, zum anderen um die Strukturen in unserem Land besser kennenzulernen und zu verstehen. Und das macht den Jugendlichen richtig Spaß: "Wir kommen gern her. Die Gespräche helfen uns beim Deutschlernen und es ist immer lustig", sagt der 19-jährige Mohammed. Seit 15 Monaten ist der junge Syrer in Tauberbischofsheim. In dieser kurzen Zeit hat er sehr schnell Deutsch gelernt und macht nun eine Ausbildung zum Holzmechaniker. Er war schon viermal im Seniorenzentrum. "Leider kann ich nicht mehr so oft vorbeikommen, da ich jetzt jeden Tag arbeiten gehe und die VABO-Klasse nicht mehr besuche. Beim Treffen heute wollte ich aber unbedingt dabei sein. Kochen ist zwar nicht so mein Ding - Reden und Essen dafür aber umso mehr."

Aus den damals noch fremden Besuchern und den Heimbewohnern sind inzwischen Freunde geworden. Frei nach dem Motto "Raus aus der Anonymität rein ins persönliche Miteinander", das sich die Initiatoren des Integrationscafés auf die Fahne geschrieben haben. Die Rechnung geht auf: Die Jugendlichen kommen sichtlich gerne und das auch über die Termine des Integrationscafés hinaus. Einige waren zum Beispiel beim Sommerfest im Haus Heimberg dabei, andere besuchen die Seniorinnen und Senioren regelmäßig. Zwischen Karin Scheidler und der jungen Afghanin Azize hat sich sogar eine ganz besondere Freundschaft entwickelt. "Sie kommt oft und wir reden viel. Meist geht es um die Familie, um ihre, aber auch um meine. Um die schrecklichen Erlebnisse in ihrer Heimat. Ich denke, es tut ihr einfach gut, jemanden zu haben, der ihr zuhört, sich für sie interessiert. Und mich freut es, wenn ich für sie da sein kann", erzählt die Seniorin. Während eines Treffens kam Azize dann auf die Idee, für ihre neue Freundin etwas typisch Afghanisches zu kochen. Da aber die Küche in Karin Scheidlers Wohnung nicht optimal für große Kochaktionen ausgelegt ist, wurde bei der Suche nach einem geeigneteren Raum schnell klar: Alle Senioren und Jugendlichen wollen mitkochen. Die Idee für das große gemeinsame Kochevent war geboren.

Ebenfalls mit dabei sind die Betreuerinnen der Jugendlichen Karolina Podlech vom Kolping Bildungswerk, Elke Hunecke, Beauftragte für Schulpastoral, und die VABO-Lehrerin Jugendlichen Silke Bartholme. Sie begleiten die Projekte der Flüchtlinge im Haus Heimberg von Anfang an. "Wir haben schon vorab viel Werbung für das Integrationscafé gemacht und den Jugendlichen erklärt, was ein Seniorenzentrum überhaupt ist, denn so etwas kennen sie aus ihren Heimatländern gar nicht", sagt Podlech.  Bartholme unterrichtet die jungen Flüchtlinge in den VABO-Klassen. Unterrichtsfächer sind zum Beispiel Deutsch oder Integration Beruf, kurz IB. "Gerade im Fach IB können wir im Haus Heimberg anknüpfen und unseren Schülerinnen und Schülern die Lebens- und Arbeitswelten näher bringen, die ihnen noch unbekannt sind", so Silke Bartholme.

Alle drei sind überwältigt von der Einsatzbereitschaft der Jugendlichen und besonders, dass das Projekt von Anfang an von allen so gut angenommen wurde. "Mittlerweile ist das Integrationscafé ein Selbstläufer und bei allen sehr beliebt. Wie schon beim allerersten Treffen sind auch heute wieder mehr mitgekommen, als ursprünglich angemeldet waren", sagt Hunecke. Dem schließt sich auch Silvia Müller, Heim- und Pflegedienstleiterin des Seniorenzentrums Haus Heimberg, an: "Auch für uns ist das Integrationscafé ein echtes Vorzeigeprojekt. Mit so einem großen Zuspruch haben wir gar nicht gerechnet als das Kolping Bildungswerk mit uns in die Vorbereitung gegangen ist." Die Erfolgsgeschichte geht über die Grenzen des Integrationscafés hinaus. Azize beginnt im Januar ein Praktikum in der Pflege. Ein anderer Schüler hospitiert bereits in der Küche. "Anfragen haben wir viele", so Silvia Müller weiter. Die Heimleiterin versucht alle Interessenten unterzubringen und gegebenenfalls langfristig in den Einrichtungen zu halten. "Das würde nicht nur uns, sondern auch unsere Bewohner freuen."

Die Freude spürte man auch, als das fertige Menü auf dem Tisch stand., zumal sich beim Kochen alle richtig ins Zeug gelegt hatten - das sah und schmeckte man beim anschließenden gemeinsamen Mittagessen. Zum Abschluss des gemeinsamen Kochevents übergab Silvia Müller den Jugendlichen kleine Geschenke: "Zu Weihnachten beschenkt man bei uns Freunde und Familie - das ist so Brauch. Also bekommt ihr in diesem Jahr natürlich auch etwas von uns. Wir wollen etwas von der Freude zurückgeben, die ihr uns durch eure Besuche schenkt. Denn aus Fremden sind hier letztlich Freunde geworden."

Integrationscafé vom Deutschen Caritasverband e.V. ausgezeichnet
Mit Hilfe eines Integrationscafés junge Flüchtlinge für den Pflegeberuf sensibilisieren und zu begeistern: Für dieses Konzept wurde das Seniorenzentrum Haus Heimberg kürzlich vom Deutschen Caritasverband e.V. ausgezeichnet. Das Projekt, das seit Mitte März läuft, sei laut Caritasverband eine "inspirierende Praxis und ein Vorzeigebeispiel für andere Einrichtungen". So könne man Jugendlichen, die vor Krieg und Terror aus ihrer Heimat flüchten mussten, in Deutschland neue Perspektiven zeigen, ihnen den Start in ein neues Leben erleichtern und sie gegebenenfalls für eine Mitarbeit in der Altenhilfe gewinnen.